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Medizinische Trainingstherapie bei MS

Autorin: Sylvie Gartner

Veröffentlicht am

Autorin: Sylvie Gartner

Mehr Lebensqualität durch Fitnesstraining bei MS – ein Paradigmenwechsel

Medizinische Trainingstherapie (MTT) – ein Begriff, der in der Neurorehabilitation zunehmend an Bedeutung gewinnt. Auch im Neurologischen Therapiezentrum am Gmundnerberg stellt sie einen fixen Bestandteil der Therapie unter anderem bei MS PatientInnen dar. Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Sportwissenschaft, besonders aus dem Kraft- und Ausdauertraining, werden dem therapeutischen Zweck zunutze gemacht und modifiziert. In diesem therapeutischen Trainingsbereich gilt es jedoch, ganz besonders auf die Auswahl und Dosierung der Trainingsreize hinsichtlich der Belastbarkeit und momentanen Situation der PatientInnen zu achten. Neben den wissenschaftlichen Empfehlungen, die nur als Grundlage dienen können, muss sich die Belastungsdosierung daher besonders am Belastungsempfinden orientieren. Wenn eine MS-PatientIn ein Trainingsprogramm beginnt, ist es wichtig, eine PhysiotherapeutIn zu Rate zu ziehen, um das individuelle Leistungsvermögen und die krankheitsbedingten Einschränkungen in den Trainingsaufbau zu integrieren [4]. MTT sollte jedenfalls als Ergänzung zur Einzeltherapie gesehen werden. Die motorisch-neurologischen Symptome wie z.B. Schwäche oder die fehlende Elastizität der Muskulatur sowie die abnorme Erschöpfbarkeit erschweren Bewegung und lassen MS-PatientInnen mehr und mehr inaktiv werden. Der Bewegungsmangel bringt damit eine Abwärts-Spirale in Gang – einerseits körperlich mit Begleiterkrankungen [1], zusätzlichen Einschränkungen des Herz-Kreislaufsystems, der Lungenkapazität und weiterem Kraftverlust [4], andererseits mental. Bis Mitte der 80er Jahre galt noch Schonung als Therapie der Wahl bei MS. Aber heute weiß die Wissenschaft: Körperlich aktiven MS-PatientInnen geht es besser. Keine einzige Studie hatte negative Auswirkungen auf die motorischen Hauptprobleme der MS zur Folge (unter Einhaltung gewisser Prinzipien, die hier unter anderem beschrieben werden). In einer aktuellen Studie von Tallner et al. konnte auch bestätigt werden, dass die Schubhäufigkeit nicht vom Ausmaß körperlicher Aktivität abhängig ist; tendenziell wiesen aktive Personen mit MS sogar eine niedrigere Schubrate auf [1]. Viele Studien zeigen, dass durch angepasstes Fitness-Training bei MS der Alltag besser bewältigt werden kann, die Müdigkeit abnimmt und die Stimmungslage ausgeglichener wird – insgesamt erhöht sich somit die Lebensqualität.

Was steht nun konkret hinter dem vielversprechenden Ausblick der „Steigerung der Lebensqualität“? Um die Bewegungen des Alltags (Beruf, Haushalt, Freizeit) gut ausführen zu können, sind eine ausreichende Ausdauerleistung, verschiedene Kraftqualitäten und koordinative Fähigkeiten erforderlich. Daraus setzt sich die MTT zusammen und hat als
Ziel, deren verbesserte Entwicklung, um Bewegungen wieder ausführen bzw. die Ausführungsqualität steigern zu können. Eine verbesserte Bewegungsqualität bedeutet eine erhöhte Ökonomie und ist Voraussetzung, um die Belastungen des Alltags mit der entsprechenden Leistungsfähigkeit und Erholungsfähigkeit bewältigen zu können [2].

„Krafttraining ist nur bei einer ausreichenden Ausdauer-Leistungsfähigkeit effektiv“, sagt die Sportwissenschaft. Dies betrifft sowohl die allgemeine Ausdauer als auch die Kraftausdauer. Letztere ist neben der Maximal- und der Schnellkraft eine der Kraftqualitäten, aus der sich „die Kraft“, wie wir sie kennen, zusammensetzt. Sie ist bei MS herabgesetzt.

Kraftausdauertraining zeichnet sich durch viele Wiederholungen bei weniger Gewicht aus und steht zu Beginn einer Trainingstherapie. Krafttraining sollte aus einem Ganzkörperprogramm bestehen, um Rumpf, Beine und Arme zu stärken. Trainiert werden kann an geführten Trainingsmaschinen, Seilzügen, mit freien Gewichten (z.B. Hanteltraining) oder anhand von Übungen mit dem Theraband sowie ohne Geräte mit dem eigenen Körpergewicht. Bei Ataxie ist das Training in geführten Maschinen empfehlenswert, um die Bewegungsqualität im Krafttraining bei dieser Beeinträchtigung zu gewährleisten. Offene Seilzugübungen z.B. bereiten oft größere Schwierigkeiten und sind nicht zielführend.
Die Herz-Kreislauf-Fitness (kardiovaskuläre Fitness) stellt eine der wichtigsten Gesundheitsindikatoren dar. Bei den Ausgangsmessungen in den entsprechenden Studien lag diese bei MS-PatientInnen deutlich unterhalb der Durchschnittswerte. Ihre Entwicklung und Erhaltung durch Ausdauertraining spielt daher hinsichtlich der Lebenserwartung und –qualität eine besonders große Rolle [1]. Sowohl die reduzierte Ausdauer- wie Kraftausdauerleistung kann durch die MS selbst, aber auch infolge von Bewegungsmangel begründet sein. Für das Ausdauertraining kommen Fahrradergometer, Oberkörper-Ergometer, kombinierter Arm-/Beinergometer, Laufband, Crosstrainer sowie Nordic Walking zur Anwendung, je nach individueller Möglichkeit und Vorliebe.
Koordinationstraining, Gleichgewichtsübungen, Therapeutisches Klettern, etc. können im weiteren Sinne ebenso zur MTT gezählt werden. Elemente aus Sportspielen und Gymnastik ermöglichen Abwechslung – Training soll ja schließlich Spaß machen! Was gilt es nun bei der Trainingstherapie zu beachten? An oberster Stelle steht immer die Bewegungsqualität. Umso wichtiger ist eine Schulung bzw. Betreuung durch Fachpersonal mit neurologischer Erfahrung. Von den Sportlern gelernt und der MS Forschung bestätigt: Im Ausdauer- wie im Krafttraining sollte immer zuerst das Trainingsvolumen durch zusätzliche Trainingseinheiten bzw. Übungsserien gesteigert werden, bevor die Intensität durch mehr Widerstand oder Gewicht erhöht wird [4].
Nicht die Intensität, sondern die Regelmäßigkeit eines Trainings ist ausschlaggebend für den Erfolg [3]. Die wissenschaftlichen Empfehlungen geben eine Mindestdauer von 8 Wochen an. Trainingstherapie sollte fix in den eigenen Wochenplan integriert werden – eine Gewohnheit werden, eine Zeit, die man für sich selbst nimmt. Einige Tipps, den Schweinehund zu entkräften: ein Sporttagebuch zeigt die Fortschritte schwarz auf weiß, Musik beim Training beschwingt und der Ausblick auf das gute Gefühl nach dem Training motiviert ungemein! Das lässt den inneren Saboteur klein und sprachlos werden… Sportler planen Pausen ein – MS PatientInnen auch. Würden Sportler ihre Pausen nicht einhalten, die Leistungskurve ginge rapid bergab. So auch beim Training bei MS: Oft können zu Beginn des Trainings nur wenige Minuten am Stück trainiert werden. Es gilt daher, rechtzeitig Pausen einzulegen und nicht in die Erschöpfung hinein zu trainieren, um insgesamt länger trainieren zu können. Im Krafttraining werden z.B. Pausen zwischen den Übungen und Übungsserien mit 2-4 min empfohlen. In der Freude an der Bewegung und den Verbesserungen besteht oft die Gefahr, dass zu schnell gesteigert wird bzw. Pausen nicht beachtet werden. Die Anpassung des Organismus erfolgt in der Trainingspause und der Fortschritt tritt immer erst nach der Pause auf – das zeigt auch die tägliche klinische Erfahrung.

Wichtig bei all dem Training ist die tiefe Bauchatmung – auch das Zwerchfell, der Hauptatemmuskel, will trainiert werden und ist ausschlaggebend für Lungenkapazität und Sauerstoffversorgung. Und noch etwas – kein Training während eines Schubes!

Fatigue – abnorme Erschöpfbarkeit – sie beeinträchtigt den Alltag bei MS-PatientInnen oft stark. Auch sie kann einerseits durch die Krankheit MS an sich oder in Folge durch Bewegungsmangel begründet sein. Woher sie auch kommen mag, Studien zeigten positive Wirkung des Ausdauer- sowie des Krafttrainings auf dieses Symptom, indem die Müdigkeit abnahm [1]. Das Uhthoff-Phänomen beschreibt bei Erhöhung der Körpertemperatur eine für die MS sehr charakteristische Verstärkung der Symptome. Diese klingt nach wenigen Stunden vollständig ab. Beim Sport sollte aber trotzdem ein Wärmestau vermieden werden. Vorbeugend können Wärme abgebende Trainingskleider sowie kühle Getränke und eine kühle Dusche nach dem Sport helfen [3].

Nur durch eine aktive Lebensgestaltung können die körperlichen Funktionen erhalten oder verbessert werden. Zudem gibt die eigene Aktivität den PatientInnen sogenannte Selbstwirksamkeit in die Hand: Das bedeutet Glaube und Zutrauen an die eigenen körperlichen Fähigkeiten und Einflussnahme auf Symptome der MS wie Fatigue, Schwäche, Spastizität. Das nimmt ein Stück vom Gefühl der Hilflosigkeit und gibt Stärke und Selbstvertrauen!

Es ist ein Balance-Akt zwischen Fordern, Über- oder Unterfordern, der fachspezifisch und individuell begleitet werden sollte. Ein Paradigmenwechsel hat seit den 80er Jahren also stattgefunden.

Nun gilt es noch, die Fortschritte aus dem Training im Alltag wahrzunehmen: Die Belastbarkeit ist durch mehr Ausdauer gestiegen, Tätigkeiten im Alltag werden durch gesteigerte Kraft leichter oder auch erst wieder möglich, die Müdigkeit dominiert nicht mehr, man fühlt sich fitter. Das alles trägt dazu bei, neben den Glückshormonen, die während sportlicher Betätigung ausgeschüttet werden, dass die Stimmung steigt – und damit die Lebensqualität. Zu viel versprochen? Am besten gleich ausprobieren…

Autorin: Sylvie Gartner, Neurologisches Therapiezentrum, Gmundnerberg

Quellen:
[1] Fitnesstraining bei Personen mit Multipler Sklerose; A.Tallner u. K. Pfeifer in Neuroreha 2012/4;
[2] Sensomotorisches System; W. Laube et al., 2009
[3] Multiple Sklerose verstehen und behandeln; S. Egli, 2011
[4] Multiple sclerosis and physical exercise: recommendations for the application of resistance-, endurance- and combined training; U. Dalgas et al. In Multiple Sclerosis 2008/14


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