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CLUB MOBIL: Sicher hinter dem Steuer

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Autofahren zählt im 21. Jahrhundert zu einem wichtigen Bestandteil der Lebensqualität und bedeutet Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Tritt – unabhängig vom Alter – ein mobilitätseinschränkendes Akutereignis ein, steht nach Bewältigung des Alltags bei mehr als 90 % der Betroffenen an erster Stelle der Wunsch, sich (wieder) selbst ans Steuer eines Fahrzeuges zu setzen.

Da in Österreich so wie in vielen europäischen Ländern die gesetzlichen Vorschriften für den Fahrzeugverkehr keine Meldepflicht einer Erkrankung vorsehen, beruht die aktive Teilnahme am Straßenverkehr auf Basis der Eigenverantwortung. Nimmt jemand jedoch am Straßenverkehr teil, ohne die gesetzlichen Voraussetzungen zu erfüllen, können neben rechtlichen auch versicherungstechnische Schwierigkeiten entstehen.

Aus diesem Grund entwickelten die MobilitätsexpertInnen der österreichischen Initiative CLUB MOBIL (www.clubmobil.at) vor mehr als 10 Jahren für FührerscheinbesitzerInnen mit neurologischen Krankheiten ein auf Vertraulichkeit basierendes Konzept, in dessen Zuge die Eignung zum Lenken eines Kraftfahrzeuges im Straßenverkehr – und nicht wie bei anderen Projekten am Simulator – getestet wird.

FAHREIGNUNGSÜBERPRÜFUNGEN DES CLUB MOBIL
Sehr häufig wird der Wunsch von MS-Betroffenen, selbst ein Auto zu lenken, weder von Angehörigen noch von medizinischen Fachkräften thematisiert. Sprechen Angehörige eine vermeintliche Nichteignung zum Lenken eines Kraftfahrzeuges an, kann aufgrund des Nahverhältnisses aus dem gut gemeinten Diskurs schnell ein Konflikt entstehen. Es tritt neben dem Sachproblem (Autofahren) ein Beziehungsproblem (z. B. Abhängigkeit) auf und somit ist der Streit vorprogrammiert, da die KommunikationspartnerInnen unterschiedliche Interessen haben. Es ist erfahrungsgemäß von großem Vorteil, die außenstehenden, sehr erfahrenen Mobilitätsfachkundigen des CLUB MOBIL zu beauftragen, das Fahrverhalten der betroffenen Person objektiv zu testen und im Vorfeld der Behörde vertraulich ein Gutachten zu erstellen.

ABLAUF DER FAHREIGNUNGSÜBERPRÜFUNGEN
Vor der praktischen Überprüfung der Eignung zum Lenken eines Kraftfahrzeuges findet ein Explorationsgespräch mit den MobilitätsexpertInnen des CLUB MOBIL statt:
In dieser ersten Phase haben die ProbandInnen die Möglichkeit, der Projektverantwortlichen, die zum einen Psychologin und zum anderen nach einem Verkehrsunfall selbst auf den Rollstuhl angewiesen ist, ihre/seine Wünsche, Ängste und Bedürfnisse mitzuteilen. Nach diesem theoretischen Teil geht es mit Phase zwei, den praktischen Beobachtungsfahrten weiter:

Überprüfungsfahrzeuge
Für die standardisierten Fahrproben wird den zu testenden Personen ein von CLUB MOBIL auf ihre Bedürfnisse angepasstes Fahrschulfahrzeug zur Verfügung gestellt. Bei bisher 35,8% der TeilnehmerInnen mit MS (101 Personen) konnte ein Fahrzeug mit Schaltgetriebe eingesetzt werden. Die restlichen 64,2% der ProbandInnen (181 Personen) absolvierten die Beobachtungsfahrten in einem Automatikauto. Bei 72,9% der AutomatikfahrerInnen (132 MS-Betroffene) mussten Adaptierungen eingesetzt werden, um die krankheitsbedingten körperlichen Defizite ausgleichen zu können.

Automatikgetriebe
Mit einem Fahrzeug mit Automatikgetriebe alleine können manche physische aber auch kognitive Einschränkungen kompensiert werden. So kann z.B. eine Lähmung, Verlangsamung oder Schwächung des linken Beines durch ein Automatikgetriebe ausgeglichen werden.

Gaspedal links
Ist das rechte Bein bzw. der rechte Fuß bewegungseingeschränkt, kann in einem Automatikfahrzeug zusätzlich ein elektronisches oder aufsteckbares Linksgas eingebaut werden.
Da die erlernte motorische Programmierung (Gaspedal rechts – Brems- pedal links) umgelernt werden muss (Gaspedal links – Bremspedal rechts), können vor allem unter Belastung Probleme auftreten und es kann zu Fehlreaktionen kommen. Das sichere Fahren mit dem linken Bein bedarf meist sehr viel Übung.

Handbediengerät für Gas und Bremse
Indem bei zahlreichen MS-Betroffenen beide Beine beeinträchtigt sind, müssen sowohl Beschleunigungs- als auch Bremsmechanismen mit der Hand bedient werden.

Lenkhilfen
Bei Schwäche oder Verlangsamung eines Armes bzw. einer Hand wird die eingeschränkte Extremität durch Anbringen eines Lenkrad-Drehknopfes (auf der „gesunden“ Körperseite) kompensiert. Auch Personen, die das Gas- und Bremspedal mit der Hand betätigen, benötigen zum Lenken mit der anderen Hand einen Lenkradknopf. Damit auch Menschen ohne Bewegungseinschränkungen mit diesem Fahrzeug fahren können/dürfen, soll darauf geachtet werden, dass der Lenkrad-Drehknopf einfach und ohne Werkzeug abnehmbar ist.

Hebelverlegungen
Je nachdem, welcher Arm/welche Hand bei der betroffenen Person eingeschränkt ist, kann eine Blinkerhebelverlegung nach rechts oder eine Scheibenwischerhebelverlegung nach links in den Pkw eingebaut werden. Werden das Gas- und Bremspedal mit dem (meist rechten) Arm betätigt, ist es von großem Vorteil, wenn auch Wischer oder Blinker verlegt werden oder das Handbediengerät mit einem „Commander“ ausgestattet ist. Der „Commander“ ermöglicht es den FahrerInnen, die Sekundärfunktionen (Blinker, Scheibenwischer, Licht und Hupe) mit nur einem Finger zu dirigieren.

Lenkkraft- oder Bremskraftverstärker
Genügt die Kraft des „gesunden“ Armes und/oder Beines nicht zum sicheren Bedienen des Kraftfahrzeuges, so kann in Fahrzeugen eine leichtgängige Servolenkung oder ein zusätzlicher Bremskraftverstärker eingebaut werden.

Fahrverhalten
Im Zuge der Datenerhebung und Überprüfungserklärung wird auf alle gesetzeskonformen Verhaltensweisen, die bei der Fahrt umzusetzen sind, ein- gegangen. Während der Fahrt werden folgende Variablen analysiert: Aufmerksamkeit, Reaktionsgeschwindigkeit, Reaktionssicherheit, Konzentration, Fahrzeugbedienung, Fahrzeugbeherrschung, Spurgestaltung, Geschwindigkeitswahl, Fahrstreifenwechsel, Fahrstreifenwahl, Abstandverhalten, Vorbeifahren/Überholen, Blicktechnik, Überblicksgewinnung, Regelbeachtung, Regelumsetzung, Zeichensetzung, Interaktion mit anderen VerkehrsteilnehmerInnen im Ortsgebiet, Freilandstraße und Autobahn.

Fahrstrecke
Praxisfahrt im Schonbereich der Straße: Nach Feststellung des geeigneten Fahrzeuges werden fünf sehr einfache, aber aussagekräftige Grundübungen (Slalomfahren, Längseinparken, Seitentasten, Spurkarree, Reversiergasse) absolviert. Standardisierte Beobachtungsfahrt im Straßenverkehr: Das Fahrverhalten wird auf einer standardisierten Strecke beobachtet; die Dauer der Fahrt beträgt etwa 50 Minuten, wobei die Überprüfungsstrecke bei fehlerhafter Umsetzung der StVO und/oder eingeschränkter Verkehrszuverlässigkeit abgekürzt bzw. angepasst wird. Nach Klärung möglicher Fragen beginnt die Fahr- probe. Das persönliche Verhalten und das Fahrverhalten werden in einem standardisierten Beobachtungsbogen von den begleitenden SpezialistInnen protokolliert.

Analyse des Fahrverhaltens
Nach Abschluss der Praxisfahrten bringen die Überprüften ihre subjektive Wahrnehmung der umgesetzten Voraussetzungen und die wahrgenommenen Eingriffe ins Lenk- und Bremsgeschehen durch die FahrlehrerInnen zu Papier.

Währenddessen reflektieren und dokumentieren die Mobilitätsexperten des CLUB MOBIL die objektive Wahrnehmung, die Beobachtungsfahrten bzw. die Eignung zum Lenken eines Kraftfahrzeuges und verfassen ein fachlich versiertes Privatgutachten, welches im Anschluss mit allen beteiligten Personen besprochen wird.

SCHLUSSFOLGERUNGEN AUS DEN ÜBERPRÜFUNGEN
Aufgrund der zahlreichen Auswirkungen, die MS auf das Fahrverhalten haben kann, ist es sowohl im Sinne der allgemeinen als auch der eigenen Verkehrssicherheit grundlegend, die Fahrtauglichkeit vor der aktiven Teilnahme am Straßenverkehr testen zu lassen.

Das Team von CLUB MOBIL würde sich freuen, auch weiterhin MS-PatientInnen bei den Überprüfungen in den ÖAMTC- Fahrtechnikzentren Teesdorf (NÖ) und Marchtrenk (OÖ) begrüßen zu können.

Quelle:
Autorin: Edith-Grünseis-Pacher, Club Mobil
MSeitenweise 1/17, Seite 4-7


Veröffentlicht in: Allgemein, PatientInnen, Angehörige
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